Altjahresendansprache (by Jürgen Paasch)

Eine der besten „Neujahrsansprechen“ die ich in den letzten Jahren gelesen habe, stammt aus der Feder von Jürgen Paasch, einem uns bekannten Hundebesitzer, Fotograf, Meisterkoch… Danke Jürgen, für die Erlaubnis Dich zu zitieren zu dürfen, aber Du sprichts mir so sehr aus der Seele, ich musste Dich einfach darum bitten:

Um den dämlichen Neujahrsansprachen zuvorzukommen, die man sich ohnehin besser schenken sollte, hier meine Altjahresendansprache 2017.

Heute ist mal wieder Silvester, das offizielle Jahresende. Benannt wurde es übrigens nach Papst Silvester I. († 31. Dezember 335) und nicht etwa nach dem Zeichentrick-Kater oder dem Darsteller von Rambo, auch wenn heute kräftig geballert wird.

Ja, heute wird es laut. Da fliegen Raketen, Böller und Finger, und nach Mitternacht liegt man sich entweder in den Armen oder in der Notaufnahme. An keinem anderen Tag im Jahr schafft es ein polnisches Minderwertprodukt, derart in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu gelangen, mehr noch als die Curry-Krakauer.

Der Polenböller ist der Exportschlager zum Jahresende: von gepresstem Klopapier umwickeltes Schwarzpulver mit einer gefährlich zu kurzen Zündschnur, ungewisser Abbrenndauer und hoher Versagenswahrscheinlichkeit, um dann später doch noch heimtückisch zu explodieren, während man es aufhebt. Er ist quasi das polnische Äquivalent zum amerikanischen McDonalds – unnütz und ein kurzes Vergnügen mit gesundheitsschädlicher Wirkung.

Silvester ist ein Fest der Gegensätze. Wir freuen uns, dass das alte Jahr endlich vorbei ist und ein neues Jahr beginnt – welches aber höchstwahrscheinlich nicht viel anders und erst recht nicht besser sein wird als das alte. Manche versaufen auch gerne derart den Beginn, dass das frische Jahr schon verkatert startet, und was beschissen beginnt, kann ja entweder nichts Gutes bereithalten oder eben nur noch besser werden – je nach persönlicher Einstellung.

Vielleicht will ja so mancher auch einfach nur vergessen, schließlich wurde wieder nichts richtig fertig im alten Jahr. Was wollten wir nicht alles gemacht haben? Das Wohnzimmer streichen oder die Kinder aus dem Testament, den Partner fürs Leben finden oder wenigstens mal die Kloschüssel treffen. Nichts hat geklappt, und schon wieder ist ein Jahr um.

Viele blicken zurück auf das, was sie geschafft haben und sehen: nichts. Wieder ein Jahr Lebenserwartung im Büro verschwendet und dabei nicht mal die Hälfte der aufgelaufenen Mails abgearbeitet, geschweige denn gelesen. Und nicht, dass man sonst etwas bewegt hätte.

Die Welt hat sich unverschämterweise einfach weitergedreht, ohne Rücksicht auf unsere unerledigten Dinge, die sich noch höher stapeln, als das Burj Khalifa, und das hat immerhin schon 828 Meter. Dies wird einem am Silvesterabend immer so richtig bewusst, während einem der Geruch von Schießpulver in die Nase und der Sekt zu Kopf steigt. Da kann man schon mal melancholisch werden. Und besoffen.

Überhaupt Sekt: Das ist auch so ein ekelhaftes Gesöff, das ich konsequent ablehne, weil es einfach scheiße schmeckt und mich nur müde macht. Alle stehen sie da mit ihrem Gläschen, stoßen an und reichen die Pulle rum, als gäbe es nichts Besseres unter der Sonne.

Dabei kann man das Zeug doch eigentlich nur geschickt um die Geschmacksknospen auf der Zunge herumzirkeln, um möglichst wenig von dem ekligen Geschmack mitzubekommen, und den Rest – wenn keiner guckt – in Blumentöpfe entsorgen. Oder man vergisst sein Sektglas ganz zufällig auf irgendeinem Beistelltisch. Ups, weg isses. „Mensch, der Rotkäppchen-Sekt war aber auch wieder lecker!“

Gibt es überhaupt irgendjemanden da draußen, dem Sekt wirklich schmeckt? Oder sauft Ihr ihn nur, weil ihn alle saufen? Sekt wird übrigens aus Most gekeltert, dessen Qualität für Wein nicht ausreicht – ziemlich bezeichnend. Der Burger unter den Alkoholika.

Und dann diese Vorsätze. Es ist doch jedes Jahr dasselbe: Die Raucher hören auf zu rauchen, weil sie sich das vorgenommen haben. Bis sie dann ein paar Tage später – falls sie überhaupt die ersten Stunden durchhalten – auf die Waage steigen, weil die neue Jeans nicht mehr über den Hintern rutschen will.

„Wenn ich aufhöre zu rauchen, nehme ich zu“, argumentieren sie hinterher und ziehen sich den nächsten Sargnagel rein. Dabei liegt das nicht an den Kippen, sondern an der Fresserei als Ersatzhandlung. Teer und Nikotin haben noch keinen dünn gemacht. Fressregulierung und auch mit dem Rauchen aufzuhören ist eine reine Kopfsache, eine Sache des Willens – nicht mehr, aber leider auch nicht weniger.

Nach Neujahr ist auch das Fitnessstudio plötzlich wieder so voll, weil all die Sportmuffel, deren Bluthochdruck sich bereits warnend auf ihren roten Pausbäckchen abzeichnet, die Fitnessgutscheine, die sie zu Weihnachten bekommen haben, einlösen wollen oder müssen. „Lieber jetzt was für den Körper machen, bevor es zu spät ist“, ist dann gerne mal zu hören, und bei so manchem, der im Vorbeigehen die Sonne verdunkelt, fragt man sich schon, wie er „zu spät“ eigentlich definiert.

Wäre aber schön, wenn es klappen und der eine oder andere stark bleiben würde, anstatt dass zwei Wochen später nach Feierabend Kollege Schweinehund mit einem Hefeweizen oder einer Tasse Kakao und Schokoladenkeksen oder Chips um die Ecke schlendert und man den Sport eben Sport sein lässt, weil die neue Staffel einer Serie angelaufen ist, die man unbedingt sehen muss.
Es ist aber auch egal, denn Gesundheitsbewusstsein hin oder her, von Jahr zu Jahr steigen unvermeidlich auch die Beiträge zur Krankenversicherung weiter, egal ob man seine Zeit mit Sport verschwendet oder nicht. Für viele ist es ja schon eine großartige Leistung, wenn sie die nächsten zwölf Monate wieder ohne Leberzirrhose überstehen.

Mein Vorsatz ist jedes Jahr eigentlich ganz einfach: Überleben. Kein Scherz. So ein Jahreswechsel wird ja auch immer ein bisschen begleitet von der Angst vor dem Neuen. Das kann alles sein: neue Blutwerte, neue Zellwucherung, neue Depression, mehr Arbeit. Neu ist nicht immer besser, auch wenn die Industrie einem das gern so verkauft. Und wer weiß, was die uns kommendes Jahr wieder alles ins Essen mischen, um uns abzumurksen?

Da hat es schon etwas Zynisches, wenn man trotzdem all die Unwägbarkeiten des Alltags meistert, kerngesund zwölf Monate am Stück übersteht und sich dann am letzten Tag des Jahres ausgerechnet die Onanierhand wegböllert – mit besten Grüßen aus Warschau.

Aber Spaß beiseite. Passt auf Euch auf, seid lieb zueinander, scheut Euch aber auch nicht davor, den blöden Nachbarn mit der 5.000-Watt-Anlage bei der Polizei anzuscheißen oder direkt abzuknallen (ein Schuss fällt heute nicht weiter auf).

Lasst die Finger von Drogen, vor allem aber von künstlichen Fingernägeln, und rasiert niemals Eure Augenbrauen ab, um sie dann nachzuzeichnen wie sterbende Blutegel. Es sieht einfach nur Scheiße aus. Wirklich. Und lasst das Duckface auf den Selfies, denn Euer Mund sieht dabei aus wie ein Anus.

Vermeidet auch unbedingt die Neujahrsansprachen unserer Volksverräter, sonst regt Ihr Euch schon am ersten Tag wieder unnötig auf.

Baut auch sonst keinen Mist, lasst die Finger von der Schriftart Comic Sans, und wenn dann endlich auch der Letzte von Euch verstanden hat, dass man im Deutschen so gut wie niemals ein Apostroph benutzt, den Unterschied zwischen „das“ und „dass“, zwischen „Tod“ und „tot“, zwischen „seit“ und „seid“ usw. begriffen hat, und realisiert dass Liken und Teilen auf Facebook in der echten Welt überhaupt gar nichts bewirken, es den weißen Bulli gar nicht gibt und online-Petitionen völlig sinnlos sind, dann könnt Ihr 2017 gelassen entgegensehen.

In diesem Sinne: Möge der Böller mit Euch sein. Einen guten Rutsch und vorab schon mal ein frohes neues Jahr. Wir werden es leider bald noch sehr viel öfter hören, als es uns lieb sein kann…

 

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