Vom Scheitern virtueller Desktops (Teil 2)
Microsoft, der zweite Spieler im Boot
Mit Microsoft sitzt noch ein zweiter wirklicher Global-Player mit im Boot der Desktop Virtualisierung an dem kaum eine Firma vorbei kommt. Nun rächt sich die freiwillige, seit über 20 Jahren andauernde, fast schon unterwürfige Selbstversklavung der Unternehmen gegenüber Microsoft. Am Markt gibt es kaum wirklich Ernst zu nehmende Alternativen im Desktop Bereich. Linux ist auch heute immer noch meilenweit davon entfernt im Unternehmensbereich eine ernsthafte Desktop Alternative zu sein. Zu sehr haben sich die Anwender und auch die Entwickler den Microsoftschen Betriebssystemen und Applikationen gegenüber versklavt. Kaum ein Hersteller bietet brauchbare Schnittstellen zu anderen Applikationen außer zu denen aus dem Hause Redmond. Egal ob ERP, CRM oder Groupware, nahezu immer ist irgendwo doch für eine vollständige Integration ein Windows mit passenden Applikationen notwendig. Anstatt tatsächlich etwas zu unternehmen und auf wirkliche Standards zu setzen, hat man sich den Versprechen aus Redmond hingegeben, frei nach dem Motto, die machen das schon. Und nicht ganz von ungefähr gibt es heute genug Anwender wie Administratoren, die sich mit der Aussage "Microsoft ist Standard" zufrieden geben. Dabei kann nie ein einzelner Hersteller "Standard" sein. Standards sollten meiner Meinung nach offen getroffene Vereinbarungen zwischen verschiedenen Beteiigten sein. Microsoft hat hingegen seine Applikationen am Markt durchgedrückt und diese zum Quasi-Standard erklärt. Inzwischen mögen sie tatsächlich zu einem Standard geworden sein, nur mit den einhergehenden Nachteilen müssen wir dann auch leben.
Doch warum tut Microsoft sich eigentlich mit Desktop-Virtualisierung so schwer? Warum boykotieren sie es regelrecht, wenn auch nicht hoch offiziell?
Schon in den 90er Jahren ging ein Begriff durch die Fachpresse, der bis heute kaum etwas an Aktualität eingebüßt hat. Man sprach damals von der sogenannten "Wintel-Conection". Bis heute sind beide Hersteller, Microsoft und Intel extrem aufeinander angewiesen. Intel ist mit großem Abstand der Hersteller für die Chips auf denen Microsofts Betriebssystem läuft. Da hat bisher weder Apples zartes anbandeln mit Intel noch Microsofts Ankündigung, Windows 8 wird auch andere, nicht Intel Prozessoren unterstützen, wenig dran geändert. Beide Hersteller erobern sich damit höchstens noch ein paar zusätzliche Märkte, an der Grundkonstellation wird das kaum etwas ändern, denn beide können sich den Verzicht auf den jeweils anderen nicht leisten. Zwar hat schon einmal eine Firma, gezeigt, das es möglich ist, die gesamte Prozessor-Architektur zu tauschen, ohne dabei nennenswert an identität zu verlieren, aber Apple, die das seinerzeit mit dem Umstieg auf die Intel Prozessoren gemacht haben, sind seit je her in der IT eben immer schon etwas besonderes gewesen, und auch hier wäre der Wechsel kaum ähnlich problemlos von statten gegangen, hätte man zu einem kleinen, weniger bedeutenden Prozessorhersteller gewechselt. Wohl auch deshalb ist ein zunächst kolpotierter Wechsel von Apple, hin zu AMD nicht zu Stande gekommen.
Letztlich bedeutet das für Microsoft, nahezu jeder verkaufte Intel Prozessor entspricht einer Windows Lizenz, zumindest im Desktop Umfeld. Aus unternehmerischer Sicht ist das ideal, wenn auch die Einnahmen durch die vergleichsweise günstigen OEM Lizenzen, die Hersteller auf ihre Systeme packen, nicht sonderlich hoch sind, so sind diese Einnahmen doch seit nunmehr fast 20 Jahren beständig und steigen durch die immer größere Ausbreitung von PCs kontinuierlich an.
Nun könnte man meinen, daß es Microsoft doch egal sein kann, ob sie die Lizenzen an Hersteller in Form von OEM verkaufen oder auf dem freien Markt für virtuelle Desktops. Dem ist aber mitnichten so. Das Geschäft mit dem quasi Endkunden ist um ein vielfaches aufwändiger als der Lizenz Massenverkauf an die großen Hersteller. Anders als im OEM-Geschäft liegt somit plötzlich die gesamte Verantwortung bei Microsoft selbst. Während im OEM-Bereich Microsoft nicht einmal selber für den Support seiner Produkte zuständig ist, geschweige denn sich mit Rechnungsstellungen, Zahlungseingängen und ähnlichem Kleinkram aufwändig selbst kümmern muß, bliebe diese gesamte Arbeit beim direkten Verkauf der Lizenzen auf ihrer Seite haften. Dies ist ein betriesbwirtshaftlich nicht zu vernachlässigender Faktor.
Wohl auch aus diesem Grund hält Microsoft die Preise für seine Software im Virtualisierungsbereich auf unverschämt hohem Preisniveau. Während man sich auf normalen Desktop PCs in der Regel mit dem OEM-Betriebssystem begnügt ist im Rahmen einer Virtualisierung plötzlich eine sogenannte Software Assurance notwendig, um das Desktop Betriebssystem virtuell betreiben zu dürfen. Alternativ hat der Kunde die Möglichkeit mit einer sogenannten VDA-Lizenz (Virtual Desktop Access) zu agieren. Hierbei ist zuvor kein Grundbetriebssystem erforderlich, sondern es wird nur die VDA-Lizenz erworben.
Doch genau hier liegt abermals die Crux. Diese Lizenz, gedacht für Thin Clients erwirbt man nämlich nicht, im Sinne von "kaufen" sondern man erwirbt ein zeitlich begrenztes Nutzungsrecht in Form eines Vertrages mit einer Mindestlaufzeit von 3 Jahren und einer jährlich zu zahlenden Rate. Diese beträgt derzeit für eine VDA-Lizenz jährlich run 100,- $. Gemäß der üblichen Gepflogenheiten oder sollte ich eher "Marotten" sagen, wird in Europa der Preis nicht etwa zu einem fairen Wechselkurs umgerechnet, sondern im Prinzip das $-Zeichen durch ein €-Symbol ersetzt.
Das bedeutet, ein Kunde der auf Desktop-Virtualisierung setzen will, benötigt also neben dem PC mit Desktop Betriebssystem noch zusätzliche eine Software Assurance oder eben einen ThinClient mit VDA-Lizenz. Sowohl die Software Assurance als auch die VDA-Lizenz laufen nach drei Jahren aus und verlieren, insofern sie nicht verlängert werden, ihr Recht auf Nutzung.
Hat man beim Desktop-PC mit Betriebssystem immerhin noch das Betriebssystem, welches weiterverwendet oder verkauft werden kann (letzterer Punkt ist gerade im Leasing-Bereich in dem gebrauchte Computer über entsprechende Vermarkter im großen Stil aufbereitet und weiterverkauft werden, ein wichtiger Faktor), so hat man am Ende der Laufzeit, insofern man nicht verlängert, bei der Verwendung eines ThinClients schlichtweg nichts, außer eben der kleinen dummen Büchse. Mit der Verwendung von VDA-Lizenzen unterwirft man sich also noch stärker dem Joch des Herstellers und macht sich von diesem vollständig abhängig.
Darüber hinaus ist alleine von der Lizenzseite her gesehen die Desktop Virtualisierung nahezu unerschwinglich. Nehmen wir mal den üblichen Zeitrahmen von ca. 3 Jahren, so wie er zumeist auch für Abschreibungen angesetzt wird, das ergibt dann in etwa folgendes Bild:
| VDI-Lösung | klassischer PC | |
| Anschaffungskosten Gerät | ~ 400,- € | ~ 600,- € |
| OS bzw. VDA Lizenz | ~ 300,- € | ~ 120,- € |
| Lizenzkosten Virtualisierung | ~ 550,- € | ---------- |
| zusätzl. anteilige Serverkosten | ~ 210,- € | ---------- |
| Stromkosten | ~ 25,- € | ~ 250,- € |
| Gesamtkosten | ~ 1485,- € | ~ 970,- € |
Hier noch die Erläuterung zur Tabelle:
Bei den Anschaffungskosten für die Geräte bin ich von eigenen beruflichen Erfahrungen ausgegangen. Hierbei muß man aufpassen, daß man sich die Kosten für die eine oder andere Seite nicht künstlich schönrechnet. Sicherlich gibt es sowohl ThinClients, wie auch PCs die günstiger zu haben sind, als die oben angegebenen Beträge, doch dabei sollte man bedenken, daß die meisten ThinClient Hersteller ihre Gerätepreise ohne Maus und Tastatur, teilweise sogar ohne Netzkabel angeben. So wird versucht den eigentlich recht geringen Preisunterschied zwischen Thinclients und PCs künstlich ein bißchen aufzupeppen. Auch bei den PCs wird mancher sagen, "wir geben aber weniger Geld für unsere Office PCs aus!". Da mag zwar stimmen, die Erfahrung zeigt jedoch, daß in nahezu jedem Unternehmen eine Reihe von PCs existiert, die deutlich oberhalb der Durchschnittskonfiguration liegen, z.B. bei CAD Arbeitsplätzen. Auf die Gesamtzahl der PCs im Unternehmen heruntergebrochen paßt somit der Wert von ca. 600,- EUR wieder. Bei den Betriebssystem bzw. VDA-Lizenzen stehen auf PC-Seite OEM-Lizenzen gegen die relativ teuren VDA-Lizenzen. Das mag auf den ersten Blick unfair erscheinen, doch gerade in Deutschland sind gut 85% der Windows PCs in Unternehmen lediglich mit OEM-Versionen im Einsatz, die meisten Administratoren verzichten auf den Abschluss einer Software Assurance, weil sie ihnen keine nennenswerten Vorteile bringt (auch wenn Microsoft das natürlich anders sieht). Zusätzlich werden für die Desktop Virtualisierung zusätzliche Lizenzkosten fällig, z.B. für VMware VMview oder für Citrix XEN Desktop. Diese fallen in einer klassischen PC-Umgebung erst gar nicht an. Zusätzlich entstehen bei der Desktop-Virtualisierung zusätzliche Kosten für Server, auf denen die virtuellen Desktops ausgeführt werden können. Bei einer durchschnittlichen Anzahl von 20-30 Clients pro Server ausgeführt werden können, ergeben sich somit zusätzliche kosten von ca. 210,- EUR für 3 Jahre, anteilige Storage Kosten sind dabei ebenfalls berücksichtigt. Da Thin Clients jedoch nur rund 1/10 so viel Strom verbrauchen, ergeben sich hier deutlich geringere Kosten .
Man erkennt an der obigen Beispielrechnung recht gut, das man pro Client in etwa mit Mehrkosten von 500,- EUR auf drei Jahre rechnen muss. Setzt man diese Rechnung für ein Unternehmen mit ca. 250 PCs an, dann sind das für die Desktop Virtualisierung Mehrkosten von rund 125.000,- EUR fällig.
Klar sollte auch sein, daß die immer wieder genannten Einsparungen letztlich nichts anderes in den Köpfen der Entscheider suggerieren sollen, als personelle Einsparungen. Nimmt man jedoch die unternehmerischen Kosten eines einzelnen Arbeitsplatzes, so wird rech schnell klar, es lohnt sich nicht!
Fazit:
Zumindest in der aktuellen Preisstruktur ist Desktop-Virtualisierung uninteressant und wenig lohnenswert. Man muß schon einige Rechenkunststückchen anstellen, um sie sich trotzdem schön zu reden. Sicherlich sinkt der administrative Aufwand und es gibt Unternehmen für die sich aus anderen Gründen eine Desktopvirtualisierung trotzdem rechnet. Langfristig wäre das Geld aber sicherlich in Arbeitsplätze und Innovation deutlich besser investiert und dabei könnte eine der wirklichen Innovationen ein Umdenken auf Seiten der Unternehmen sein, zukünftig und langfristig vielleicht in Lösungen zu investieren die nicht so Monokulturell aufgebaut sind und einen derart von einem oder zwei Marktführern abhängig machen.
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